Stellungnahme der Chefärztinnen/Chefärzte und Ärztlichen Direktor(innen)en der Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Niedersachsen zum Projekt der integrierten Versorgung schizophrener Patienten durch die I3G in Niedersachsen

Nach öffentlicher Ausschreibung und Prüfung der eingereichten Konzepte hat die AOK Niedersachsen im Juli 2010 den Vertrag zur Integrierten Versorgung von SchizophrenieErkrankten nach § 140 a ff SGB V mit dem Institut für Innovation und Integration im Gesundheitswesen GmbH (I3G), einer hundertprozentigen Tochter des Pharmaunternehmens Janssen in Neuss unterschrieben. Die operative Verantwortung für die Umsetzung in Niedersachsen trägt das Unternehmen Care for Schizophrenia (Care4S), ein Tochterunternehmen der I3G. Ab dem 1.10.2010 werden in Niedersachsen in zuvor ausgewählten Regionen, ab dem 1.10.2011 sollen in ganz Niedersachsen die von I3G und Care4S konzipierten Behandlungsangebote zur Verfügung stehen.

  1. Die ChefärztInnen und Ärztlichen DirektorInnen der Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Niedersachsen unterstützen jede Verbesserung der Versorgung schizophrener Patienten, wenn die bereits vielfältigen und verfügbaren Versorgungsangebote gebündelt und koordiniert sowie regional fehlende Angebote ergänzt werden. Hierfür besteht sicher ein Bedarf.
  2. Die Sozialpsychiatrischen Verbünde unter Führung der Sozialpsychiatrischen Dienste, haben in Niedersachsen im NPsychKG die Aufgabe zugewiesen bekommen, die Versorgung psychisch kranker Menschen zu organisieren und sicher zu stellen und gegebenenfalls zu ergänzen. Sie müssen unbedingt in die Planungen einbezogen werden. Die psychiatrischen Versorgungskliniken sind Mitglied dieser Sozialpsychiatrischen Verbünde und beteiligen sich seit langem aktiv an den regionalen und kommunalen Versorgungskonzepten der Psychiatrieplanung.
  3. Eine qualitativ hochwertige, multiprofessionelle, mehrdimensionale und Versorgungssektoren übergreifende ambulante Versorgung schizophrener Patienten, wie sie durch die S3Leitlinie Schizophrenie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) gefordert wird, ist bereits heute an vielen Orten in Niedersachsen Realität. Sie wird von den ambulant tätigen Nervenärzten, Psychiatern und Psychotherapeuten und ganz wesentlich auch von den ambulanten Versorgungseinrichtungen der Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (z.B. Psychiatrische Institutsambulanzen oder andere Einrichtungen) getragen. Diese Einrichtungen haben an vielen Orten in Niedersachsen bereits gut funktionierende ambulante Netzwerke zusammen mit anderen Behandlungsund Betreuungseinrichtungen in den sozialpsychiatrischen Verbünden aufgebaut. Die bereits etablierten und gut funktionierenden Behandlungspfade dokumentieren die hohe Qualität der Versorgung und stellen diese sicher. Der rechtzeitige Zugang zu adäquaten Versorgungsangeboten ist somit für viele Patienten gewährleistet.
  4. Die Vorstellung, dass die Kliniken ausschließlich für die stationäre Versorgung verantwortlich sind, ist antiquiert. Die Kliniken verstehen sich schon lange als Einrichtungen, deren Versorgungsauftrag weit in den ambulanten Bereich hineinreicht – und dies nicht als Konkurrenz, sondern als notwendige und sinnvolle Ergänzung der ambulanten fachärztlichen Versorgung.
  5. Die Ziele und Maßnahmen der AOK Niedersachsen und der I3G zur Verbesserung der Versorgung schizophrener Patienten erfolgten explizit unter Ausschluss der Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, z.T. unter bewusster Ausgrenzung der Kliniken. Im Konzept der integrierten Versorgung und in dem angekündigten, aber noch nicht näher vorliegendem Behandlungspfad spielen die Kliniken nahezu keine Rolle, und wenn, dann allenfalls als letzte Anlaufstation, zu der Patienten nur in Notfällen gebracht und nach Abklingen der akuten Krise wieder abgeholt werden sollen. Eine integrierte Versorgung kann jedoch nur in enger Kooperation mit allen Anbietern der psychosozialen Versorgung erfolgversprechend sein (z.B. mit niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten, ambulanter Pflege, Soziotherapeuten, Ergotherapeuten, Kliniken, Heimen, Betreuungsvereinen und Einrichtungen zur Wiedereingliederung und Rehabilitation).
  6. Die ChefärztInnen und Ärztlichen DirektorInnen der Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Niedersachsen bedauern dieses Vorgehen außerordentlich und halten dies weder für angemessen noch für zielführend im Hinblick auf das Ziel einer verbesserten Versorgung schizophrener Patienten. Bestehende Versorgungsnetzwerke werden bewusst ignoriert. Stattdessen besteht die Gefahr, eine Parallelstruktur aufzubauen und in eine bewusste Wettbewerbssituation mit gut funktionierenden Netzwerken zu treten. Die dadurch entstehende Verschiebung ohnehin knapper Ressourcen wird schließlich zu einer Verschlechterung der Versorgungssituation aller psychisch kranken Patienten führen.
  7. Leidtragende dieser Maßnahmen werden damit die Patientinnen und Patienten sein. Gerade schizophrene Patienten sind häufiger nur eingeschränkt in der Lage, die Konsequenzen für ihre Behandlung bei Beitritt zu einem solchen IVProjekt zu verstehen und kritisch den Verbleib in der bisherigen Versorgungsform zu würdigen.
  8. Wir sind willens und in der Lage, aktiv an der Weiterentwicklung und Verbesserung des Versorgungsnetzwerks für schizophrene Patienten in Niedersachsen mitzuarbeiten. Dabei fordern wir den Einbezug in Konzepte und Maßnahmen unter Berücksichtigung bestehender Strukturen. Für eine bestimmte Anzahl besonders schwer an einer schizophrenen Psychose erkrankter Patienten wird eine stationäre Behandlung nach wie vor erforderlich bleiben, auch um schwerere körperliche oder forensische Konsequenzen zu vermeiden. Ziel des neuen IVProjektes ist aber die weitgehende Vermeidung stationärer Behandlung. Der daraus entstehende Zielkonflikt ist sicher weder im Interesse dieser Patienten noch der genannten Idee dieses Projekts.
  9. Wenn die neuen Anbieter der Integrierten Versorgung und die psychiatrischen Versorgungseinrichtungen, die sich daran beteiligen wollen, in Niedersachsen auf ein Gegen statt ein Miteinander setzen, wird dadurch auch die Attraktivität der beteiligten Professionen (z.B. Arzt, Pflege) leiden. Angesichts des vielfach diskutierten Mangels an Ärzten und Pflegenden wäre dies auch für die Professionalisierung des Fachs Psychiatrie und Psychotherapie sicher das falsche Signal.
  10. Wir, die ChefärztInnen und Ärztlichen DirektorInnen der Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Niedersachsen, erwarten einen konstruktiven und transparenten Dialog durch die Träger der integrierten Versorgung von Schizophrenie Erkrankten unter Einbezug der Kliniken.

Hannover, den 25.03.2011
Die ChefärztInnen und Ärztlichen DirektorInnen der Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Niedersachsen

Download: 2011-03-25-stellungnahme-iv-schizophrene-patienten-nieders.pdf (606.34 KB)

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