Die AG wurde 2001 von dem damaligen Vorsitzenden der BDK Manfred Wolfersdorf ins Leben gerufen und besteht aktuell (3. März 2008) aus elf Mitgliedern. Die Mehrzahl vertritt Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie, es wurden auch Vertreter von Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik, Psychiatrischen Abteilungen und Universitätspsychiatrie aufgenommen, um ein möglichst breites Spektrum psychiatrischer Versorgung zu repräsentieren.

Zahlreiche Mitglieder sind in der Deutsch-Türkischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosoziale Gesundheit e.V. organisiert. Die Gruppe trifft sich in unregelmäßigen Abständen mindestens zweimal jährlich in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Marburg-Süd.

Ziel der AG ist es, Fragen der psychiatrischen Versorgung von Patienten mit Migrationshintergrund zu diskutieren, um so ein Forum zu schaffen, Probleme in der klinischen Versorgung zu eruieren und Anregungen für Versorgungskonzepte zu geben. Versorgungsforschung in Deutschland hat diese wachsende Patientengruppe bislang kaum berücksichtigt, die Notwendigkeit kultureller Kompetenz der psychiatrischen Institutionen wurde allenfalls in einigen wenigen Kliniken und Arbeitsgruppen thematisiert. Aktuelle Daten zur Inanspruchnahme stationärer psychiatrischer und psychotherapeutischer Versorgung bei Patienten mit Migrationshintergrund sind bis jetzt in Deutschland noch sehr lückenhaft, obwohl die Ergebnisse des Mikrozensus 2005 zeigten, dass fast ein Fünftel (18,6 %) der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund aufweist.

Zunächst ging es der AG daher um die Erhebung neuer Daten zur Inanspruchnahme psychiatrischer und psychotherapeutischer Angebote. Frühere Versorgungsstudien hatten gezeigt, dass nur ca. 50% der aufgrund des Anteils an der Wohnbevölkerung Erwarteten in stationäre psychiatrische Behandlung kamen (s. u.a. Häfner 1980, Holzmann et al. 1994, Wolfersdorf et al. 1999, Koch 2000).

Ab 2003 wurde daher von der AG eine Pilotstudie zur Inanspruchnahme stationärer Versorgung von Patienten mit Migrationshintergrund in den Kliniken der AG-Mitglieder geplant. Es wurde eine Erhebung in 12 psychiatrisch-psychotherapeutischen und psychosomatischen Kliniken und Abteilungen durchgeführt, die insgesamt 2211 Betten umfassten. Die Befragung wurde mit einem eigens konstruierten Erhebungsbogen während der Stichtagserhebung am 21. Januar 2004 durchgeführt. Die Patientendaten wurden auf der Stationsebene, d.h. direkt von den mit der Behandlung befassten Berufsgruppen erfragt.
Am Stichtag wurden in allen Einrichtungen insgesamt 376 Patienten mit Migrationshintergrund stationär behandelt. Dies entspricht einem Anteil von 17,4% der insgesamt am Stichtag in den beteiligten Einrichtungen behandelten Patienten.

Der höchste Anteil von Patienten mit Migrationshintergrund befand sich mit 27,2% in den forensischen Abteilungen. Die zweitgrößte Gruppe von Patienten mit Migrationshintergrund wurde in den Abteilungen für Suchterkrankungen mit 21,8% registriert, während ihr Anteil in der Suchtrehabilitationseinrichtung bei 11,4 % und in der Gerontopsychiatrie bei 9,2% lag.
In der Allgemeinpsychiatrie wiesen 18,4 % der Patienten einen Migrationshintergrund auf. Die geringste Inanspruchnahme wies die Psychosomatik/Psychotherapie mit 4,5% auf.
Mehr als ein Drittel der Patienten mit Migrationshintergrund hatten eine Diagnose aus ICD 10 F20 (36,1 %). Betrachtet man die beiden größten Migrantengruppen - Arbeitsmigranten türkischer Herkunft und Spätaussiedler osteuropäischer Herkunft - findet sich ein Drittel (33,3%) mit der Diagnose einer Schizophrenie in der türkischen Gruppe gegenüber lediglich gut 23,2% bei den Spätaussiedlern.
15,5 % der Betroffenen hatten eine Erkrankung aus dem Bereich F19 (Abhängigkeit und Missbrauch illegaler Drogen), während nur 10,3 % eine Diagnose aus dem F10-Bereich (Alkoholabhängigkeit und -missbrauch) zugeordnet wurde. Insgesamt hatten damit 25,8 % der Betroffenen eine Diagnose aus dem Bereich der Abhängigkeitserkrankungen. Diese fanden sich in höherem Maße (54,9%) bei den Aussiedlern als bei den türkeistämmigen Migranten (21,1%).
Affektive Störungen und Anpassungs- und Belastungsstörungen fanden sich lediglich bei 7,7 bzw. 6,7 % der Patienten mit Migrationshintergrund. Im Vergleich zu den Migranten aus Osteuropa (9,8%) sind bei den türkischen Patienten affektive Störungen häufiger vertreten (18,4%).
Mehr als die Hälfte aller Patienten mit Migrationshintergrund gaben an, die deutsche Staatsangehörigkeit zu besitzen. Dabei ist die Staatsbürgerschaft der Aussiedler (Migranten aus Osteuropa) meist (89%) deutsch, während fast ein Drittel der Patienten mit türkischem Migrationshintergrund (28,1%) ebenfalls die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt.
Fast alle Migranten osteuropäischer Herkunft sind selbst migriert (87,8%), bei Migranten mit türkischem Hintergrund sind dies weniger als die Hälfte (45,6%). Knapp ein Drittel der Migranten türkischer Herkunft war in Deutschland geboren, von diesen stammten fast 10% Kinder aus binationaler Ehe.
Zwar sind die Arbeitsmigranten mit 36,4% immer noch die stärkste Gruppe unter den Patienten mit Migrationshintergrund, es folgten die Aussiedler (25,6 %). Mittlerweile existiert ein sehr differenziertes Bild der Migrationswege und des Aufenthaltsstatus. Auffällig war der relativ hohe Anteil Asylsuchender/Flüchtlinge mit 9,2% und der Asylberechtigten (3,7%). Dies spricht für eine hohe Morbidität und psychische Belastung dieser Personengruppe, was sich auch in den therapeutischen Problemen im Klinikalltag abbildet.
Die beteiligten Einrichtungen gaben mittels einer Selbsteinstufung an, in welchem Ausmaß diagnostische und therapeutische Prozeduren durch sprachliche und kulturelle Verständigungsprobleme belastet oder erschwert waren. Probleme mit dem Krankheitsverständnis (37,7 %) sind mittlerweile häufiger als Probleme mit der sprachlichen Verständigung (27,9 %) was als Hinweis darauf zu verstehen ist, dass gerade kulturelle Kompetenz bei der Behandlung von Patienten mit Migrationshintergrund eine zunehmend wichtige Rolle spielt.
Im Vergleich der Stichtagseingruppierung von Patienten mit und ohne Migrationshintergrund fällt vor allem auf, dass Migranten seltener als zu erwarten tagesklinisch, dafür häufiger langfristig (Schwer- und Mehrfacherkrankte) behandelt werden und sich häufiger als Nicht-Migranten in Intensiv-Behandlung befinden.

Diese Daten machen deutlich, dass Patienten mit Migrationshintergrund mittlerweile - im Gegensatz zu früheren Untersuchungen - ihrem Anteil an der Wohnbevölkerung entsprechend stationär-psychiatrisch behandelt werden. Trotzdem überwiegen weiterhin Diagnosen aus dem Spektrum von F10 (vor allem bei Spätaussiedlern) und F 20 (bei Patienten mit türkischem Migrationshintergrund), wobei affektive und Belastungsstörungen seltener diagnostiziert werden. Sprachliche Verständigungsprobleme werden im Vergleich zu früheren Befragungen seltener genannt, diagnostische Unsicherheit aufgrund kultureller Faktoren erschwert jedoch weiterhin die Behandlungen. Der recht hohe Anteil von mehr als 50% mit deutscher Staatsangehörigkeit könnte als Hinweis auf verbesserte Integration gedeutet werden

Die Ergebnisse wurden erstmals als Poster bei der DGPPN-Tagung in Berlin 2004 veröffentlicht (Koch et al. 2004). Die differenzierten Daten der Pilotstudie erscheinen 2008 als Originalarbeit im Nervenarzt.

2006 wurde eine weitere Umfrage mit geändertem Konzept (alle Neuaufnahmen an einem Stichtag, Schouler-Ocak et al. 2008) durchgeführt. Bei dieser Umfrage wurden 350 Psychiatrische Kliniken in Deutschland in einer repräsentativen Umfrage zur Mitarbeit eingeladen. Die ersten Ergebnisse wurden auf dem DGPPN-Kongress 2006 vorgestellt und bestätigen die wesentlichen Aussagen unserer Pilotstudie.

Die nächsten Arbeitsschritte der AG Migration und Psychiatrie werden sich mit der Entwicklung von Konzepten zur stationär-psychiatrischen Behandlung von Patienten mit Migrationshintergrund befassen. Einbezogen werden auch die Aufgaben der Institutsambulanzen.

Literatur:
  • Häfner H (1980): Psychiatrische Morbidität von Gastarbeitern in Mannheim. In: Nervenarzt 51, 672-684.
  • Holzmann TH, Volk S, Georgi K & Pflug B (1994): Ausländische Patienten in stationärer Behandlung in einer psychiatrischen Universitätsklinik mit Versorgungsauftrag. Psychiat. Prax. 21, 106-108.
  • Koch E (2000): Die aktuelle Lage von Minoritäten im psychiatrischen und psychosozialen Versorgungssystem Deutschlands. In: Koch, E., Schepker, R. & Taneli, S. (Hrsg.): Psychosoziale Versorgung in der Migrationsgesellschaft - Deutsch-türkische Perspektiven. Lambertus - Verlag, 55-67.
  • Koch E, Hartkamp N, Schepker R, Schouler-Ocak M & Wolfersdorf M (2004): Patienten mit Migrationshintergrund in Psychiatrischen Kliniken - eine Umfrage der Arbeitsgruppe Psychiatrie und Migration der Bundesdirektorenkonferenz. Nervenarzt, Bd. 75, Supplement 2, S 357
  • Koch E, Hartkamp N und Schouler-Ocak M (2007): Patienten mit Migrationhintergrund - eineUmfrage zur Inanspruchnahme stationärer Versorgung. Psychiatrische Praxis Bd. 34, Themenheft Migration, 361-62
  • Statistisches Bundesamt 2006: Leben in Deutschland - Ergebnisse des Mikrozensus 2005
  • Schouler-Ocak M, Koch E, Hartkamp N, Siefen RG, Hauth I & Heinz A (2006): Zwischenergebnisse der bundesweiten Befragung zur Inanspruchnahme stationärer psychiatrisch - psychotherapeutischer Behandlung von Patienten mit Migrationshintergrund, Nervenarzt Bd. 77, Supplement 2, S 128
  • Schouler-Ocak M, Bretz HJ, Penka S, Koch E, Hartkamp N, Siefen RG, Schepker R, Özek M, Hauth I, Heinz A (2008) Patients of Immigrant Origin in Inpatient Psychiatric Facilities - A Representative National Survey by the Psychiatry and Migration Working Group of the German Federal Conference of Psychiatric Hospital Directors. Eur Psychiatry 23:S21-7
  • Wolfersdorf M, Durant W & Hösch S (1999): Psychisch kranke Ausländer als Patienten im psychiatrischen Fachkrankenhaus. psycho 25, 82-95.
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