Am 12. Juni hat bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) ein Diskussionsforum zum Thema Neues Entgeltsystem stattgefunden. Zur Vorbereitung haben nahezu alle relevanten Verbände und der redaktionellen Führung von ACKPA und BDK (Deister/Pollmächer) ein kurzes Positionspapier konsentiert, welches Sie im folgenden weiter unten finden.

Es ist erfreulich und bemerkenswert, dass gemeinsam ein Abrücken vom Diagnose- und Fallbezug der Entgelte zugunsten aufwandsbezogener, auf Tagesbasis kalkulierter Entgelte gefordert wird. Wie die Diskussion in der DKG zeigte, stößt dieses Konzept dort aber nach wie vor nur teilweise auf offene Ohren und man hängt weiterhin sehr am vom DRG System gewohnten Diagnose- und Fallbezug. Aber ... steter Tropfen höhlt den Stein, insbesondere, wenn alle Tropfen auf die gleiche Stelle fallen.

Thomas Pollmächer

Gemeinsamer Standpunkt zur Kalkulationssystematik des neuen Entgeltsystems für Psychiatrie und Psychosomatik

Die u. genannten Verbände sind sich in folgenden Punkten einig:

  1. Der vom InEK 2012 vorgelegte und vom BMG gegen die Verbände und die DKG durchgesetzte PEPP Entgeltkatalog verfehlt die wesentlichen Vorgaben des §17 KHG, der ausgehend von den Behandlungsbereichen der Psychiatrie-Personalverordnung die Entwicklung eines eigenständigen, durchgängigen, leistungsorientierten und pauschalierenden Vergütungssystems auf der Grundlage von tagesbezogenen Entgelten vorschreibt.
  2. Im Unterschied zur somatischen Medizin, die überwiegend durch die Diagnose definierte [handwerkliche und dingliche] Leistungen erbringt, ist die psychiatrische Leistungserbringung in hohem Maß nicht von der Diagnose bestimmt, sondern individualisiert auf das aktuelle Befinden und das gesamte Lebens- und Beziehungsgefüge des Patienten ausgerichtet . Ein leistungsorientiertes Vergütungssystem muss dies berücksichtigen und kann sich deshalb nicht vorwiegend an der Diagnose als Kostentrenner orientieren.
  3. Der vom InEK gewählte Ansatz der Fallkostenkalkulation auf der Basis diagnosebezogener Fallgruppen mit sekundär berechneten monoton degressiven Tagesentgelten bildet die individuellen Schwankungen des Behandlungsaufwandes nicht ab und setzt deshalb inadäquate Anreize zur Verweildauerverkürzung.
  4. Die DKG wird aufgefordert, das InEK zu beauftragen, eine primär tagesbezogene Kalkulation durchzuführen, die den parallel zum Befinden des Patienten im Verlauf der Behandlung fluktuierenden Ressourcenverbrauch abbildet. Diese Kalkulation sollte weitgehend unabhängig von Diagnosen erfolgen und sich an einer tagesbezogenen Graduierung der psychiatrischen, somatischen und psychosozialen Aufwände orientieren. Dabei soll es nicht um die patientenindividuelle Abbildung von tagesbezogenen Einzelleistungen gehen, sondern um sachgerecht differenzierte Aufwandspakete, die diagnoseübergreifend nutzbar und in der Lage sind, relevante Aufwandsunterscheide tagesbezogen abzubilden.
  5. Wir erwarten von der DKG, dass sie mit den Verbänden die Zielperspektive der Entgeltentwicklung für das Jahr 2021 konkretisiert. Daraus abgeleitet ist zu klären, was als Voraussetzung für den Beginn der Konvergenzphase erreicht werden muss.

Erläuterungen zum gemeinsamen Standpunkt der Verbände

Grundlage des Entgeltsystems müssen die im § 17d KHRG formulierten Anforderungen sein. Demnach muss das System eigenständig, durchgängig, leistungsorientiert und pauschalierend auf der Basis von tagesbezogenen Entgelten sein.

  1. Ein "eigenständiges" Entgeltsystem muss die Bedürfnisse von Menschen mit psychischen Erkrankungen zum Maßstab haben. Dazu gehört es insbesondere, den jeweils individuellen Versorgungsbedarf sowohl in psychischer, sozialer und somatischer Hinsicht abzubilden und zur Grundlage der Kalkulation von Relativgewichten zu machen.
  2. Die durch das Entgeltsystem gesetzten ökonomischen Anreize dürfen nicht in Richtung einer systematischen, generellen Verweildauerverkürzung gehen. Deshalb sind "Sprünge" in der Finanzierungsstruktur und eine pauschale (verweildauerorientierte) Degression der Tagesentgelte strikt zu vermeiden.
  3. Ein primär an der Diagnose als "Kostentrenner" orientiertes Finanzierungssystem ist für die Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik nicht geeignet, da der individuelle tagesbezogene Behandlungsbedarf in den einzelnen Diagnosegruppen nicht als ausreichend homogen anzusehen ist und damit eine diagnosebasierte Vergütung nicht als leistungsorientierte Abbildung des Kostenaufwandes anzusehen ist.Insbesondere von den Verbänden der Kinder-und Jugendpsychiatrie wurden bereits Kriterien für medizinisch unterscheidbare Patientengruppen vorgelegt.
  4. Entgegen der Situation in der somatischen Medizin, in der zumeist diagnosespezifische Einzelleistungen zur Anwendung kommen, ist die Psychiatrie und Psychotherapie dadurch gekennzeichnet, dass weitgehend diagnoseunabhängige Maßnahmenpakete zur Anwendung kommen.
  5. Ein auf der Analyse von Behandlungsfällen basierendes Finanzierungssystem ist nicht geeignet, da der individuelle Behandlungsbedarf und damit die bestehende Kostenstruktur aufgrund der individuell fluktuierenden Krankheitsausprägung eine zu große Bandbreite aufweisen.
  6. Ein "leistungsorientiertes" Entgeltsystem muss denim Verlauf der Erkrankung fluktuierenden Ressourcenverbrauch sachgerecht abbilden. Dazu ist von der Realität der Krankenhausbehandlung von Patienten mit individuell verschiedener Folge von stationären, teilstationären und ambulanten Abschnitten auszugehen.
  7. Die bundesweite Erfassung von Kosten- und Leistungsparametern zur Kalkulation des Entgeltsystems muss sich auf diejenigen Aspekte beschränken, die aufgrund empirischer Befunde geeignet sind, den tatsächlichen unterschiedlichen Ressourcenverbrauch abzubilden. Eine flächendeckende Erfassung von Leistungsparametern, die diese Anforderungen nicht erfüllen, muss beendet werden.
  8. Der "Tagesbezug" des Entgeltsystem ist dahingehend zu interpretieren, dass tagesbezogen der jeweilige Aufwand pauschal, aber dennoch möglichst exakt abgebildet wird.
  9. Ein "leistungsorientiertes" Entgeltsystem muss in der Lage sein, zukünftige Veränderungen in der Morbiditätsstruktur (insbesondere aufgrund demografischer, epidemiologischer und therapeutischer Entwicklungen) sachgerecht abzubilden und die dafür erforderlichen personellen und finanziellen Ressourcen zu beschreiben.
  10. Im neuen Psych-Entgeltsystem werden die nicht handwerklichen, nicht Diagnose getriggerten Leistungsbereiche künftig durch Wegfall der Psych-PV, d.h. Vorgaben zur Vorhaltung von qualitativen und quantitativen Personalressourcenfür diese Leistungen unternehmerisch gestalt- und steuerbar - vor allem für Kliniken, die keine Pflichtversorgung erbringen. Der unternehmerische Steuerimpuls - eher keine Pflichtversorgung zu leisten - sondern vermehrt elektiv plan- und steuerbare Leistungen zu erbringen, ist gesetzt. Wie in der somatischen Gesundheitswirtschaft werden damit auch für die stationäre Versorgung von psychisch kranken Menschen Impulse gesetzt, vor allem plan- und steuerbarer Leistungen auszuweiten. Die Impulse der bisherigen Ausgestaltung des neuen Entgeltsystems müssen dringend korrigiert werden, da sie versorgungspolitisch nicht zu verantworten sind.
  11. Im Rahmen der Vorbereitung der Konvergenzphase und der Zieldiskussion für das Jahr 2021 sind die Umsetzung der Prüfaufträge des §17d KHRG, die ausreichende Umsetzung von Modellprojekten gemäß §64b SGB V, die Sicherstellung der erforderlichen Strukturqualität (insbesondere im personellen Bereich) und die Reduktion des systembedingten Misstrauensaufwandes zu gewährleisten.

Geeignet erscheint deshalb ein Entgeltsystem, dasunter gleichzeitiger Berücksichtigung der Psychopathologie (einschl. der Teilhabebeeinträchtigung und des Ausmaßes der Einschränkung beim Zurechtkommen im Alltag) , des psychosozialen Kontextes und des somatischen Behandlungsbedarfseine pragmatisch zu handhabende Anzahl von tagesbezogenen Entgeltstufen (Tagescluster) identifiziert und diesen dentatsächlichen Ressourcenverbrauch zuordnet.

Berlin, 11. Juni 2013

  • Aktion Psychisch Kranke (APK)
  • Arbeitskreis der Chefärztinnen und Chefärzte psychiatrischer und psychotherapeutischer Kliniken an Allgemeinkrankenhäusern in Deutschland (ackpa)
  • Arbeitskreis der Krankenhausleitungen Psychiatrischer Kliniken (AKP)
  • Bundesarbeitsgemeinschaft der Träger Psychiatrischer Krankenhäuser (BAG Psychiatrie)
  • Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BAG KJP)
  • Bundesarbeitsgemeinschaft leitender Mitarbeiter/innen des Pflege- und Erziehungsdienstes kinder- und jugendpsychiatrischer Kliniken und Abteilungen e.V. (BAG PED KJPP)
  • Bundesdirektorenkonferenz - Verband leitender Ärztinnen und Ärzte der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie (BDK)
  • Bundesfachvereinigung Leitender Krankenpflegepersonen der Psychiatrie (BFLK)
  • Deutsche Fachgesellschaft Psychiatrische Pflege (DFPP)
  • Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS)
  • Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP)
  • Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP)
  • Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN)
  • Fachgruppe Psychiatrie im Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD)

2013-06-11-gemeinsamer-standpunkt-entgeltssystem-psychiatrie.pdf (204.85 KB)

 

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